Am Wochenende war ich auf einem ganz tollen Kurs mit Lucie Klaasen – “Body awareness for horses and riders”, äußerst empfehlenswert! Der Kurs fand in einem mir unbekannten Reitstall statt und die meisten Reiter würden die Anlage wohl als “großartig” beschreiben. Mein erster Gedanke beim Betreten des Stallgeländes war jedoch: oh-oh, diese armen Pferde…
Wenn nun jemand denkt, dass dort Pferde grob misshandelt oder nachlässig versorgt worden wären, liegt jedoch falsch: die Besitzer (zumindest jene, die ich kennengelernt habe) waren sehr um ihre Lieblinge bemüht und scheuten keine Kosten, der Stallbursche war äußerst freundlich und geduldig mit jedem einzelnen Pferd und die Boxen sauber und hell. Aber genau das war mein Problem: Boxen. Standard-Boxen mit ca. 3x3m Abmessung, mit Gitterstäben bis zur Decke an allen Seiten. Zwar war der Stall immerhin gut durchlüftet und hell (und im Außenbereich waren alle Koppeln mit Pferden belegt), aber trotzdem war mein erster Eindruck der eines Gefängnisses.
Am schlimmsten war für mich jedoch die Selbstverständlichkeit: die der Besitzer, die meinten ihren Pferden das Bestmögliche zu bieten. Die der Stallbetreiber, die der Meinung sind einen hohen Aufwand dafür zu betreiben dass es den eingestellten Tieren gut geht. Die des Stallburschens, der den Pferden gut zuredet damit sie ihm durch die knöcheltiefe Gatschkoppel zurück in die Box folgen.
Meine rosarote Ponyhof-Brille
Ich muss gestehen, ich war richtiggehend geschockt; auch bevor wir unseren eigenen Stall hatten, haben meine Pferde seit Jahrzehnten nur im Offenstall gewohnt. Ich möchte nicht sagen, dass dort immer alles rosig war oder dass alle Offenställe toll waren; aber sie haben zumindest die wesentlichen Grundbedürfnisse meiner equinen Partner nach freier Bewegung, Sozialkontakten und Umweltreizen befriedigt (mehr zu den pferdigen Grundbedürfnissen findest du in meinem Artikel zu artgerechter Haltung). All das, was Pferden in Boxenhaltung verwehrt wird.

Natürlich gibt es sowohl schlechte Offenställe als auch verschiedene Abstufungen der Boxenhaltung; trotzdem muss man sich verdeutlichen, was es für die Psyche des Lebewesens Pferd (welches bekannterweise ein Fluchttier ist) bedeutet, auch nur phasenweise (z.B. über Nacht) in einem Bereich eingesperrt zu sein, welcher oftmals gerade noch groß genug ist als dass sich das Tier hinlegen und umdrehen kann. Von den direkten negativen Auswirkungen auf die Physis (hinsichtlich Durchblutung, Hufe, Bewegungsapparat, Lunge, Haut uvm.) möchte ich noch gar nicht sprechen.
Dieser Kursbesuch hat mir die Augen geöffnet; ich hatte schlichtweg vergessen, dass Boxenhaltung für viele Pferde immer noch trauriger Alltag ist. In meiner subjektiven Realitätswahrnehmung waren Boxenställe bereits ein Relikt aus grauer Vorzeit.
Dies rührt vermutlich daher, dass nicht nur meine eigenen Pferde sondern auch die Schützlinge in meinem Bekanntenkreis ausschließlich in irgendeiner Form von Offenstall/Aktivstall/Bewegungsstall hausen. “Boxen” waren in dieser Realität ausschließlich kranken oder rekonvaleszenten Tieren vorbehalten, z.B. um älteren Kandidaten ungestörte Futter- oder Ruhezeiten zu ermöglichen. Aber selbst diese “Notfall”-Boxen ähneln mehr pferdegerechten “Ruheräumen” denn “Gefängniszellen”, z.B. indem die meisten deutlich größer als 3x3m sind.
Pferdehaltung – eine Frage der persönlichen Werte
Ich habe versucht, mein Bild der Realität zurecht zu rücken, indem ich mich bemüht habe herauszufinden wie viel Prozent der Pferde heutzutage in unseren Breitengraden noch in Boxenhaltung leben müssen. Leider waren meine diesbezüglichen Recherchen ergebnislos, d.h. ich konnte keine offiziellen Zahlen zu diesem Thema finden. Die allwissende Wikipedia meint hierzu jedoch: “Üblicherweise sind Pferdeställe heute in Boxen aufgeteilt. […] Die Boxenhaltung ist eine von mehreren verschiedenen Haltungsformen. Sie ist am häufigsten in turniersportorientierten Reitanlagen zu finden, aber auch in Vereinsanlagen und Pensionsställen, in denen auf verschiedene Bedürfnisse und Anforderungen eingegangen werden muss.” Aha! Meiner Meinung nach müsste dies präzisiert werden, wessen Bedürfnisse und Anforderungen mit Boxenhaltung nachgekommen wird – nämlich denen der Menschen. Denn wenn man die Bedürfnisse und Anforderungen von Pferden objektiv betrachtet, ist schnell klar: diesen kann man mit Boxenhaltung eindeutig nicht gerecht werden.
Demnach gibt es Boxenställe also nur aus einem einzigen Grund: dem Egoismus vieler Reiter. Solange diese ihre eigenen Bedürfnisse zur Freizeitgestaltung über die grundlegenden Bedürfnisse ihrer Pferde stellen, wird es wohl leider auch in Zukunft noch massenhaft Boxenhaltung geben.
Meine Vorstellung von Partnerschaft sieht anders aus. Denn als Partner stecke ich manchmal meine eigenen Bedürfnisse zurück, um meinem Partnern ein glückliches Leben zu ermöglichen. Dieser Ansatz bezieht sich für mich nicht nur auf das Pferdetraining, sondern auch auf die Pferdehaltung. Denn diese ist es schließlich, die den Großteil des Pferdelebens beeinflusst.
In diesem Sinne bin ich (mal wieder) froh, dass mein Leben (m)ein Ponyhof ist. Denn auch wenn ich regelmäßig an der anfallenden Arbeit zu verzweifeln drohe, so muss ich mir zumindest keinen Vorwurf dazu machen dass meine Fellnasen nicht ihre banalsten Grundbedürfnisse befriedigen können. Das ist Egoismus der anderen Sorte 😉


Liebe Nathalie!
Meine bisherige Erfahrung mit Ställen bzgl. Boden ist die, dass es in Boxenställen oft sehr saubere Pferde geben kann, aber auch schmutzige mit Hufproblemen wie Strahlfäule. Oftmals gibt es bei uns nur das Konzept Box und Weide, keine grasfreien sauberen Ausläufe, was vor allen für leichtfuttrige Pferde eine Problem sein kann, da sie sich entweder zuwenig bewegen können (Box) oder zuviel Gras fressen (Weide).
In Offenställen gibt es häufig endlos Matsch im Auslauf, in dem Pferde mitunter bis übers Sprunggelenk einsinken, die Hufe ständig voll mit Mist und Schlamm sind. Dies mit Huf- und Hautgesundheit in Einklang zu zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem wird es immer wieder als „natürlich“ angepriesen.
Pest oder Cholera, einsames Pferd im Boxenknast oder chronisch Mauke und Strahlfäule? Ich finde beides nicht pferdegerecht.
Ein Konzept eines Offenstalls mit befestigen Wegen und matschfreien Ausläufen ohne Gras, ergänzend Weidegang und auf jeden Fall mit trockenen und vor allem sauberen Unterständen ohne Urinmatsch wäre sehr wichtig aus meiner Sicht. Die milden Winter und starkregenreichen Sommer bescheren uns leider jede Menge Matschzeit.
Ich habe einen Stallumbau verfolgt, in dem ein drainagierter Auslauf zusätzlich zu Box und Weide mit Rasterplatten und Sand errichtet wurde, eine gute Alternative. Das ist leider die Ausnahme in unserer Region.
Liebe Claudia,
ich stimme dir grundsätzlich zu – die Haltung eines Tieres, das sich in freier Natur täglich ca. 30 km weit bewegt, in so einem Pferdeknast ist m.E. tierschutzwidrig und sollte strafbar sein!
Aber: Ich konnte vor 20 Jahren endlich einen der raren Plätze in einem Offenstall für meinen (hochrangigen) Connemara-Wallach ergattern und war überglücklich – und dachte, mein Pferdchen wäre das auch…
Nach zwei Jahren musste ich ihn leider zurück in seinen alten Stall holen, weil die Entfernung einfach zu weit war und ich inzwischen auch noch Mutter geworden war. Es tat mir soo leid für ihn und ich habe mich so geschämt, als ich ihn auf den Anhänger geladen habe…
Ich muss dazu sagen, dass die Pferde dort von frühmorgens bis Einbruch der Dunkelheit draußen auf wunderbaren Paddocks oder im Sommer auf den Wiesen stehen.
Als ich Janosch dann den ersten Abend mit schlechtem Gewissen in seine Box gebracht habe, merkte ich, wie erleichtert er war. Es war, als müsste er nun nicht mehr Chef sein und hätte jetzt endlich Feierabend!
Seit 15 Jahren haben wir jetzt unseren eigenen Hof und sobald das Wetter es zulässt (Nächte über zehn Grad) bleiben auch unsere fünf älteren Herren nachts draußen auf dem Paddock. Es dauert noch mindestens drei Wochen, dass sie abends nicht mehr am Tor stehen, um ins Bett gebracht zu werden – ich denke, gerade für ältere Pferde muss das (SO!) kein Drama sein. Auch im Winter gehen sie frühmorgens zu den anderen und kommen erst bei Dunkelheit wieder rein – und sie fordern das dann auch.
Für unsere Pferde sind das tatsächlich eher „Schlafboxen“, gelebt wird draußen. Daher ist es auch nicht schlimm, dass die Boxen nur die üblichen Maße haben. Wenn ich spätabends nochmal durchgehe, stehen oder liegen die Pferde vollkommen entspannt und dösen.
Natürlich ist ein Offenstall wunderbar, aber man sollte trotzdem ein Auge darauf haben, ob das Pferd vielleicht nicht genug Ruhe/Futter etc. bekommt.
Für unsere Ponys ist unsere Lösung jedenfalls – glaube ich – ideal; im Sommer komplett draußen und die älteren im Winter in der Schlafbox.
Ich wollte das nur mal erzählen, weil ich so ein schlechtes Gewissen hatte, als ich Janosch aus dem Offenstall „herausreißen“ musste.
Boxen sind wie Beton: Es kommt drauf an, wofür und was man draus macht…
Liebe Grüße aus dem Irrenhaus Deutschland nach Österreich!
Liebe Christine, da bin ich ganz bei dir – das Individuum geht immer vor und in einem Offenstall passiert es leider schnell, dass nicht alle Bedürfnisse aller Bewohner gleichermaßen berücksichtigt werden (können). Und im Zweifelsfall ist eine gut organisierte Boxenhaltung mit (Gruppen-)Auslauf besser als ein schlecht umgesetzter Offenstall. Kein Pferd sollte dauerhaft Stress haben bzw. nicht in Ruhe fressen oder schlafen können. Wie heißt es so schön? „Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut.“
Hallo Nathalie,
dein Artikel über die Boxenhaltung der Pferde spricht mir aus der Seele und ich bedauere diese armen Geschöpfe, die Tag für Tag viele Stunden nahezu bewegungslos und gelangweilt darin ausharren müssen – und das nur, um dem Menschen, der sich auch noch als „Pferdefreund“ bezeichnet, stets mühelos zu Diensten sein zu können.
Pferde begleiten mich seit rund 30 Jahren und leider muss ich feststellen, dass sich in dieser langen Zeit trotz vieler neuer Forschungen und auch Erkenntnisse in der Pferdehaltung allgemein nicht annähernd genug verändert hat. Die sogenannte Boxenhaltung steht aus Bequemlichkeit und Egoismus des Menschen noch immer an erster Stelle. Vergleichsweise wenige Pferde haben das Glück, ihren natürlichen Bedürfnissen gemäß leben zu können – so wie du es beschreibst und wie es für jedes fühlende Lebewesen eigentlich selbstverständlich sein sollte. Jahrelange Tierschutzarbeit hat mich mit Wehmut in viele Ställe und leere Tieraugen blicken lassen. Bis heute kenne ich in unserer näheren Umgebung (im Umkreis von ca. 100 km) nicht einen einzigen Reitstall oder Verein, der den Pferden im Haltungsanspruch gerecht wird. Eine Zeitlang in Mode gekommene Offenstallhaltung ist in Verruf geraten, nachdem Pferde im Winterhalbjahr davor in abgeteilten Parzellen oft knöcheltief im Matsch versanken, schwächere Herdenmitglieder zu wenig Futter abbekamen und das allgemeine Handling für den Menschen, der das Pferd in erster Linie als ‚Sportgerät‘ betrachtet, schlichtweg zu unbequem wurde. Ersatzweise und sehr innovativ gibt es nun gelegentlich ein Minipaddock vor der Box, wo immerhin drei, vier Schritte mehr möglich sind. Doch außer vielleicht ein wenig mehr Frischluft ändert dies gar nichts. Erschreckend ist es für mich zu sehen, wie einfach, mit wenigen Mitteln und sogar kostengünstig eine deutliche Haltungsverbesserung der Pferde möglich wäre, aber trotz allem nicht umgesetzt wird. Da nützen auch keine noch so gute Aufklärung oder vorbildliches Verhalten.
Wo bleiben denn nur unser Mitgefühl, Verständnis, Respekt und Empathie vor einem Wesen, das nahezu fühlt wie wir?
Gewiss, es gibt sie, die relativ artgerechten Aktiv- und Bewegungsställe mit sehr viel Komfort für Tier und Mensch, doch sind diese verständlicherweise recht teuer und nicht jeder einfache Reiter kann oder vor allem will sich dies leisten. Erfreulich sind einzig die langsam ansteigende Zahl privater Pferdehalter und kleiner Haltergemeinschaften, die das Pferd als Partner und Freund in den Vordergrund stellen und nichts unversucht lassen, damit es ihren geliebten Tieren auch tatsächlich gut gehe – und zwar in erster Linie aus tierischer Sicht. Auf ihnen ruht meine Hoffnung und mit ihr die der Pferde.
Und in unserer ländlichen Gegend gibt es viele Pferde …. und sie alle haben – wie wir – nur dieses eine Leben ….
Mein Mann und ich wohnen in einer Kleinstadt im hohen Norden Deutschlands zum Glück sehr idyllisch und harmonisch zusammen mit unseren drei Ponys und ein paar anderen Tieren. Die Ponys bewohnen einen gepflegten Offenstall mit angrenzendem Paddock und einem Biotop. Der tägliche Umgang mit ihnen ist eine wahre Freude und gibt so viel mehr als sämtliche Pokale der ganzen Welt.
Liebe Claudia,
wow – danke für deine Gedanken zu diesem wahrlich komplizierten Thema! Ich finde schon, dass in der Pferdewelt ein Wandel spürbar ist, aber auch für meinen Geschmack noch viel zu langsam. Ich habe die gleiche Beobachtung gemacht wie du, nämlich dass es mittlerweile immer mehr private Pferdehalter gibt, die mit viel Liebe und Einsatz (sowohl finanziellem, zeitlichem als auch körperlichen!) einen wirklich tollen Lebensraum für ihre Pferde schaffen. Und genau die möchte ich hier am Blog auch vor den Vorhang holen, denn ich finde trotzdem, dass man mit gutem Beispiel voran gehen sollte 🙂 nur wenn die Leute merken, dass es auch tatsächlich anders funktionieren kann, werden sie umdenken. Gemeinsam schaffen wir das!
Vereinzelt gibt es mittlerweile auch ein paar größere Einstellbetriebe, die diesen Spagat der pferdefreundlichen Haltung und Rentabilität schaffen. In Deutschland ist das beispielsweise Gut Heinrichtshof, die hier mMn. wirklich eine Vorreiterrolle einnehmen. Aber auch bei uns in Österreich gibt es erfreulicherweise immer mehr davon. Aber eben leider noch viel viel viel zu wenige.
Es freut mich jedenfalls sehr, dass ihr euren Ponies so schöne Lebensumstände ermöglichen könnt und gemeinsam Freude habt 🙂