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So erkennst du, ob dein Pferd freiwillig mit dir arbeitet

Letztens hatte ich eine interessante Diskussion mit einer Kollegin über Freiwilligkeit im Pferdetraining. Die weitverbreitete Annahme ist nämlich: wenn sich das Pferd nicht wehrt, dann arbeitet es freiwillig mit. Das stimmt so natürlich ganz und gar nicht, denn das Pferd kann einfach seinen Widerstand aufgegeben haben und sich mit der Situation arrangieren, weil es ohnehin keine andere Wahl hat. Das hat mit Freiwilligkeit dann aber ungefähr so viel zu tun wie Schokolade mit Abnehmen.

Daraus hat sich dann die spannende Frage ergeben: ja wie erkennt man aber nun als fürsorglicher Pferdemensch, ob das Pferd freiwillig mitmacht oder nicht? Der Suche nach einer Antwort dazu will ich den heutigen Blog-Artikel widmen. 🕵️‍♀️

Vom freien Willen

Auf die eingangs gestellte Frage kann ich dir eine sehr schnelle und einfache Antwort geben: gar nicht.

Als Mensch kannst du dir nie zu 100% sicher sein, ob dein Pferd freiwillig mitarbeitet oder nicht.

Denn wir können unser Pferd nicht fragen. Aber die lange Antwort ist die viel interessantere: denn nur weil wir es nicht mit Sicherheit sagen können, soll uns das nicht daran hindern, fundierte Annahmen zu treffen. So dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen können, ob unser Pferd freiwillig mit uns mitmacht, oder unfreiwillig.

Damit wir diese Annahmen treffen können, müssen wir zuerst einmal klären, was „Freiwilligkeit“ überhaupt bedeutet. Achtung, hier wird es jetzt ein bisschen philosophisch. 🤓

Der deutsche Duden definiert Freiwilligkeit so: „freiwilliges Handeln“. Also „Handeln aus freiem Willen“. Aber was ist eigentlich der freie Wille? Handle ich aus freiem Willen, wenn ich die Stallarbeit erledige? Meine Steuererklärung mache? Ein Stück Schokotorte esse? Ja und nein.

Die Philosophie ist sich uneins darüber, ob ein komplett freier Wille überhaupt existiert. Denn auch wir Menschen werden von unterschiedlichen Motiven angetrieben und zu Handlungen bewegt. Ob wir überhaupt „aus freiem Willen handeln“ können, ist daher auch eine Definitionssache.

Der „freie Wille“ ist jedenfalls das Gegenteil vom „aufgezwungenen Willen“ – wenn es also niemanden gibt, der mir seinen Willen aufzwingt, dann handle ich wohl aus freien Stücken und daher freiwillig. Das betrifft zum Beispiel die Schokotorte: ich esse sie, weil sie mir schmeckt und ich das daher so will. Bei meinem Göttergatten wäre das aber etwas anderes, denn unerklärlicherweise findet er Schokolade nicht sonderlich toll. Er würde die Torte daher nur dann essen, wenn es von ihm erwartet wird (Höflichkeit), oder wenn sonst nichts zu essen da ist (Hunger). In beiden Fällen wäre er trotzdem nicht dazu gezwungen, zumindest nicht im physischen Sinne. Es steht niemand neben ihm, der im die Torte in den Mund stopft und er würde bei Verweigerung auch nicht ausgepeitscht werden. Trotzdem fühlt sich das Tortenessen für ihn nicht ganz freiwillig an.

Warum? Weil er sich so fühlt, als ob er keine Wahl hat. 🤔

Grade der Freiheit

Hier kommt das Konzept der „Grade der Freiheit“ („degrees of freedom“ auf Englisch) ins Spiel. Denn natürlich hätte meine bessere Hälfte eine Wahl – er könnte die Torte einfach nicht essen. Aber dann würde er entweder riskieren jemanden zu beleidigen oder hungrig zu bleiben. Seine freien Wahlmöglichkeiten sind also nicht gleichwertig, denn sie hätten negative Konsequenzen für ihn.

Und genau darum geht es beim Konzept der unterschiedlichen Freiheitsgrade: wie viele gleichwertige Optionen gibt es in einer Situation? Also am Beispiel der unbeliebten Schokoladetorte beträgt der Freiheitsgrad 0, weil es keine echte Alternative gibt. Gäbe es parallel zur Schokotorte noch Brötchen, dann wäre der Freiheitsgrad 1. Falls zusätzlich auch noch Obst verfügbar wäre, dann würden der Freiheitsgrad sogar 2 betragen. Und wenn da ein ganzes Buffet zur Verfügung stünde, dann wäre der Grad der Freiheit wohl irgendwo bei 20. In diesem Fall hätte mein Mann sehr wahrscheinlich das Gefühl, dass er seine Mahlzeit aus freiem Willen wählt.

Vereinfacht gesagt: je mehr gleichwertige Optionen verfügbar sind, desto höher ist der Grad der Freiheit des jeweiligen Handelns. Quasi: desto freiwilliger fühlt sich das Handeln an. Bemerkenswert ist hierbei, dass es um das Gefühl der Freiwilligkeit geht. Denn das Buffet könnte beispielsweise so gestaltet sein, dass die Besucher unterbewusst vermehrt zu einer bestimmten Speise greifen, z. B. weil davon nur noch wenige Stück vorhanden sind oder sie als „exklusive Spezialität des Hauses“ angepriesen wird. Die Menschen am Buffet hätten wahrscheinlich trotzdem das Gefühl, dass sie sich aus freiem Willen für diese Speise entscheiden, obwohl sie unbemerkt manipuliert wurden. Freiwilligkeit ist also relativ, nicht absolut. 🤯

Freiwilligkeit im Pferdetraining

Was bedeutet dieser philosophische Exkurs nun für unser Pferdetraining? Wie hilft uns das dabei, festzustellen ob unser Pferd freiwillig mit uns arbeitet oder sich dazu gezwungen fühlt?

Ganz einfach: indem wir ihm mehrere Optionen zur Wahl geben. Und zwar – sehr wichtig! – gleichwertige Optionen. Es ist keine gleichwertige Option, wenn ich mein Pferd frage ob es bitte antraben kann und ich es bestrafe, wenn es stattdessen stehen bleibt. Sein Grad der Freiheit wäre in diesem Fall 0 – es hätte nur eine einzige Wahl um nicht bestraft zu werden, und die heißt „antraben“.

Ha! Aber was ist, wenn wir mit positiver Verstärkung (also Futterlob) arbeiten, unser Pferd also keinen Druck fürchten muss? Dann müsste es doch immer freiwillig mitarbeiten, oder nicht? Leider nein. Denn wenn es in einer Situation nur einen einzigen Weg gibt, wie dein Pferd an das Futterlob kommt (z. B. Belohnung nur für Antraben, nicht aber für Stehenbleiben oder Angaloppieren), dann ist der Freiheitsgrad ebenfalls 0.

Aber genau hier liegt der Schlüssel zur Lösung: biete deinem Pferd mehrere Möglichkeiten an, wie es an die Belohnung kommen kann. Je mehr Optionen es hat, umso freier wird es sich fühlen. 🗽

Umsetzung in der Praxis

Es gibt mehrere Varianten, wie du diesen Gedanken umsetzen kannst. Der einfachste ist: biete deinem Pferd am Trainingsplatz eine alternative Futterquelle an. Also beispielsweise einen Heuhaufen, den dein Pferd selbstständig aufsuchen kann.

Wichtig: du musst dabei aber sicherstellen, dass dein Pferd diese Futterquelle auch tatsächlich als Alternative versteht!

Das klingt auf den ersten Blick mehrwürdig, aber es gibt tatsächlich mehrere Gründe warum dein Pferd das vielleicht nicht so auffasst:

  • der Trainingsbereich ist sehr groß und der Heuhaufen wird nicht wahrgenommen
  • das Heu befindet sich in einer gruseligen Ecke
  • das Pferd hat gelernt, dass es nicht von der Seite des Menschen weichen soll und keine eigenständigen Entscheidungen treffen darf (dass es also eine Strafe geben könnte, wenn es selbstständig zum Heu geht)

Besonders der letzte Grund ist ein bisschen heimtückisch, denn er hängt mit den vorherigen Lernerfahrungen deines Pferdes zusammen. Gerade im klassischen Horsemanship wird dem Pferd sehr gründlich beigebracht, dass es tun muss was der Mensch verlangt und selbstständigen Aktionen unerwünscht sind (und meistens unangenehme Konsequenzen haben). 🤨

Autonomie stärken

Dieses Dilemma lässt sich lösen, indem du die Autonomie deines Pferdes stärkst. Das heißt, die Unabhängigkeit deines Pferdes. Das klingt vielleicht ein bisschen paradox: um sicherzustellen, dass dein Pferd freiwillig mit dir arbeitet, sollst du sicherstellen, dass es unabhängig von dir ist. Aber genau das ist der Clou an der Sache: wenn dein Pferd selbstständig ist, dann wird es sehr wahrscheinlich aus freiem Willen handeln. Oder sich zumindest so fühlen – und das ist der wichtige Punkt.

Und wie kannst du nun seine Autonomie stärken? Ganz einfach: indem du es in seinen eigenen Entscheidungen bestärkst. Das kann am Anfang sogar bedeuten, es aktiv für Ungehorsam zu belohnen! Denn wenn dir dein Pferd in einer Situation nicht gehorcht (obwohl es weiß, was du gerne hättest), dann hat es eindeutig eine eigene Entscheidung getroffen. 💪

In meinen Anfängen mit dieser Art von Training habe ich mein Meister-Pony sogar aktiv dafür belohnt, wenn er von mir weg gegangen ist. Und ich belohne meine Pferde bis heute für ihre eigenen Ideen, egal wonach ich gerade gefragt habe (sicherheitskritische Situationen sind natürlich ausgenommen). Dieser Ansatz hat mich zu meinem Weg, zu meiner Art von Pferdetraining ohne Zwang gebracht.

Dieser Ansatz hat noch einen weiteren, sehr großen Vorteil: nicht nur, dass du dir ziemlich sicher sein kannst, dass dein Pferd freiwillig mit dir mitarbeitet. Nein, es steigert auch ungemein die Motivation deines Pferdes. Warum das so ist, erkläre ich dir in dem Artikel „Wie funktioniert Motivation?„.

Fazit

Ob dein Pferd freiwillig mit dir mitmacht oder es das nur tut, weil es das eben so gelernt hat, kann nicht mit Sicherheit unterschieden werden. ☝ Aber je mehr gleichwertige Optionen dein Pferd in einer Situation hat und je höher die Autonomie deines Pferdes ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass es tatsächlich freiwillig mit dir mitarbeitet.

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